Der Stadtteil

St. Pauli ist wohl Hamburgs berühmtester Stadtteil, aber nach wie vor auch einer der ärmsten. Seine Bewohner*innen hatten schon immer mit mit vielfältigen Benach­teiligungen und Widrigkeiten zu kämpfen, aber sie haben sich nie die Butter vom Brot nehmen lassen. Gleichzeitig ist St. Pauli seit jeher ein Ort gewesen, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft leben, sich unterstützen und helfen und einander leben lassen. Da ist es kein Wunder, dass sich viele Bewohner*innen stark mit ihrem Stadtteil identifizieren, wie zum Beispiel ein Gutachten des Bezirks Mitte für den Erlass einer Sozialen Erhaltungsverordnung feststellte. Nachbarschaftshilfe, intakte soziale Strukturen und eine hohe Toleranz gegenüber Anderen sind hier keine Legende.

Doch seit einigen Jahren verändert sich St. Pauli rasant. Vor gut zehn Jahren noch das ärmste Viertel Westdeutschlands, ist St. Pauli heute bei Neuvermietungen teurer als der Rest der Stadt. Durch Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, neue Prestigebauten wie die “Tanzenden Türme” und immer weiter steigende Mieten findet eine unübersehbare Verdrängung statt. Betriebe, die einst St. Pauli prägten wie die Brauerei, viele Gemüseläden und kleinere Handwerksbetriebe, sind verschwunden, die Bücherhalle ist geschlossen. Durch die, gemessen am bisherigen Durchschnitt, extrem teuren Neuvermietungen und Eigentumswohnungen ist eine immer stärkere Polarisierung zwischen Wohlhabend und Arm im Stadtteil wahrnehmbar.

veraenderungen_auf_st-pauli_2000-2014

Veränderungen auf St. Pauli 2000 – 2014:
Die rot markierten Gebäude sind Orte, die zur “Aufwertung” St. Paulis beigetragen haben. Die gelb markierten Gebäude sind Veränderungen, die ins Haus stehen: Der Business Improvement District Reeperbahn (Bildmitte) und das Auslaufen der Sozialbindung in den Wohnungen auf dem Hexenberg (am linken Bildrand).

Die Entwicklungen vollziehen sich auch vor dem Hintergrund der so genannten Globalisierung. Im globalen Wettbewerb setzt sich Hamburg in Konkurrenz zu anderen Metropolen. Auf St. Pauli wirkt sich das zum Beispiel dadurch aus, dass der Stadtteil noch stärker als Tourismusmagnet vermarktet wird und mitunter im Wochentakt Großveranstaltungen durch die Straßen gepumpt werden, zu denen wie beim Schlagermove bis zu 700.000 Besucher kommen. Die Reeperbahn selbst besuchen inzwischen rund 20 Millionen Touristen, die nicht nur in immer neuen Hotels unterkommen, sondern zunehmend auch in überteuerten Ferienwohnungen, die den Mietpreis mit steigern.

Die Folgen sind dramatisch: Wer zurzeit auf St. Pauli seine Wohnung verliert, ist  gezwungen, den Stadtteil zu verlassen, weil sie keine Wohnung mit vergleichbarer Miete mehr finden. Das gilt auch für kleine Läden, die mit immer höheren Gewerbemieten konfrontiert sind, die sich nur Ketten und Firmen aus Branchen mit viel Umsatz leisten können.

Bezirk und Stadt haben der Aufwertung St. Paulis bisher nicht viel entgegengesetzt. 2012 hat der Bezirk Mitte immerhin eine Soziale Erhaltungsverordnung erlassen, die die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen blockiert. Doch auch hier gibt es Schlupflöcher, wie sich aktuell in der Erichstraße zeigt. In anderen Fällen, etwa bei der Neugestaltung der Alten Rindermarkthalle, haben Stadt und Bezirk ihre Entscheidungen über die Köpfe der Bewohner*innen getroffen. Im Fall der Esso-Häuser haben sie nicht verhindert, dass die Häuser so stark verfielen, dass sie schließlich im Dezember 2013 wegen Einsturzgefahr evakuiert werden mussten. Im April 2014 hat die Stadt hingegen die Einrichtung eines Business Improvement Districts (BID) auf der Reeperbahn beschlossen, der das Tourismus-Geschäft noch weiter ankurbeln soll. Auch hier wurden die Bewohner*innen nicht gefragt. Nun droht auch noch der Bau einer Seilbahn von St. Pauli in den Hafen.

Wie es mit St. Pauli weitergeht, ist im Moment noch nicht zu sagen: Wird es endgültig zum “St. Vegas” an der Elbe umgebaut? Oder schaffen es die Bewohner*innen doch, “St. Pauli selber zu machen”, wie es sich Viele auf der Stadtteilversammlung im Februar 2014 vorgenommen haben? Dass sich St. Pauli wie jeder andere Stadtteil verändert, ist normal. Die Frage ist: Wer entscheidet über die Veränderung – die Menschen auf St. Pauli oder jemand anders?

 

2 thoughts on “Der Stadtteil

  1. Liebe Paulianerinnen und Paulianer

    Ich bin aus der Schweiz (ich mag die Schweiz, aber mein Herz habe ich auf St. Pauli verloren…)
    Ich hoffe von ganzem Herzen, dass möglichst viele Stimmen von Euch an der richtigen Stelle laut werden, um diesen wunderbaren Stadtteil so gut wie möglich in seinem unbezahlbaren, einmaligen Charme so sein und leben zu lassen, wie er teilweise noch ist… Multi-Kulti – leben und leben lassen – verrucht und doch sexy – ein Bild und Menschen, die ich in keiner Stadt je so gesehen und erlebt habe, wie bei Euch.
    Was aktuell teilweise mit St. Pauli passiert und gemacht wird, ist unsagbar traurig und völlig unpassend… Hamburg braucht weder einen zweiten Ballermann, noch einen billigen Münchner Oktoberfest-Abklatsch, noch sonstige ähnliche touristische “Verbrechen” in diesem einmaligen Bezirk… es reichen schon die unzähligen, unerträglichen Polter-Gruppen, die in dämlichen Kostümen durch die Strassen ziehen und sich ja sowieso nur auf der Strasse besaufen und vom Reiz des Kiez kaum etwas mitkriegen…

    Viel Glück und Mut zu einen lohnenswerten Kampf für ein “altes” St. Pauli mit Charakter, bezahlbaren Mieten, kleinen süssen Läden und Multi-Kulti-Charme!

    Ich liebe Euch!
    Naddl (Nadja Birn) aus der Schweiz

  2. Wir wohnen seit ca. 20 Jahren auf St. Pauli.
    Sicher haben wir uns schon in diversen Kneipen, auf dem Weg zur Kita oder auf Demos gesehen.
    Wir sind dabei und werden weitere Aktionen unterstützen.
    bis dann
    R. Koch

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